Die Gestalttherapie und der Entwicklungsansatz

Auszug aus
Johannes Narbeshuber (Hrsg)
In Beziehung. Wirksam. Werden. 
Der systemisch-evolutionäre Coaching-Ansatz der Trigon Entwicklungsberatung

 

Die Gestalttherapie und der Entwicklungsansatz

Um das Verständnis von Entwicklung zu verdeutlichen, möchte ich zunächst die sechs Merkmale der Arbeit mit Lebendigem (nach Walter 1977: 149) erläutern, die für das Coaching hilfreich sind: 

  1. Die Nicht-Beliebigkeit der Form: Man kann Lebendigem auf Dauer nichts gegen seine Natur aufzwingen, sondern nur zur Entfaltung bringen, was an Möglichkeiten vorhanden ist. Aus einem Reiskorn wird kein Apfelbaum.
  2. Die Gestaltung aus inneren Kräften: Kräfte oder Antriebe haben in dem zu betreuenden Wesen selbst ihren Ursprung. Von Dauer sind im Bereich des Lebendigen nur solche Formen, die durch diese inneren Kräfte getragen werden und sich laufend selbst bilden.
  3. Die Nicht-Beliebigkeit der Arbeitszeit: Ein lebendiges Wesen hat seine eigenen fruchtbaren Zeiten und Augenblicke, in denen es einer Begleitung oder Unterstützung zugänglich ist. Das erfordert vom Coach neben dem Wissen über Entwicklungsphasen auch die Fähigkeit der Intuition.
  4. Die Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit: Entwicklungsprozesse können nicht beliebig beschleunigt werden, die/der Coachee entscheidet letztlich, was wann für sie/ihn passt. Dabei sollte die/der Coachin darauf achten, nicht beratend tätig zu werden.
  5. Die Duldung von Umwegen: Die Entwicklung eines lebendigen Wesens ist immer auch individuell verschieden und kann deshalb weder mit Druck noch mit Zwang beschleunigt werden. Im Coaching kann sich der Umweg als Widerstand zeigen und sinnvoll oder sogar notwendig sein.
  6. Die Wechselseitigkeit des Geschehens: Jede Interaktion mit einem lebendigen Wesen ist wechselseitig, eine Aktion ruft eine Reaktion hervor und umgekehrt. Im Coaching ist es selbstverständlich, dass gemeinsam mit dem/der Coachee reflektiert wird, was wie wirkt. Gleich zu Beginn eines Coachings werden in einer klaren, wechselseitig akzeptierten Vereinbarung die Ziele der gemeinsamen Arbeit schriftlich festgehalten. 

 

Was bedeutet das im Coaching?

Wahrnehmungen kritisch hinterfragen: Für das Coaching bedeutet es, dass die Wahrnehmungen der/s Coachee/s für wahr, im subjektiven Sinn, angenommen werden und kritisch hinterfragt werden, im Sinn des „kritischen Realismus“, z.B. mit Fragen wie: Was sind die Fakten oder Tatsachen? Wie kommt es zu dieser Wahrnehmung? Mit welchen Gefühlen ist das Wahrgenommene verbunden? Gibt es andere Sichtweisen? Wie wird das Wahrgenommene bewertet? (Weiterführende Fragen siehe Vogelauer 2011). 

Von Selbstorganisations- und Selbstheilungskräften ausgehen: Die „Tendenz zur guten oder ausgezeichneten Gestalt“ (W. Metzger,1975, S.207ff) wonach wir Wahrgenommenes nach den für uns sinn- und bedeutungsvollen Kriterien ordnen oder erkennen, bedeutet auch, dass wir von den Selbstorganisations- und Selbstheilungskräften der/s Coachee/s ausgehen. 

Unerledigte Geschäfte erledigen: Im Coaching leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei berücksichtigen wir Hindernisse oder Blockaden durch „nicht geschlossene Gestalten“. Alles, was nicht erledigt, abgeschlossen oder im Sinne der Gestaltpsychologie keine gute Gestalt ist, beschäftigt uns weiter und benötigt Energie. Deshalb ist es sinnvoll im Coaching daran zu arbeiten, sogenannte unerledigte Geschäfte zu erledigen, damit Energie für das Gewünschte frei wird.

Wechsel von Figur und Hintergrund: Noch ein Beispiel zum Figur-Hintergrund Prinzip: Es wird, so wie andere Gestaltprinzipien, besonders anhand der optischen Täuschungen deutlich (siehe die Kippbilder Pokal/Gesichtsprofile, alte/junge Frau, Würfel etc.). Was als Figur oder als Hintergrund wahrgenommen wird, ist neben wahrnehmungspsychologischen Prinzipien vom Unbewussten abhängig. Im Coaching unterstütze ich den/die Coachee, sich bewusst zu machen und zu reflektieren, wie es zu der jeweiligen, manchmal fixierten Wahrnehmung kommt. Je nach Coachingziel kann ein Wechsel von Figur und Hintergrund sinnvoll sein, um flexibel zu werden im Denken, Fühlen und Wollen. Eine Veränderung des Blickwinkels kann zu vollkommen neuen Lösungsideen führen. Z.B. kann ein Coachee den drohenden Jobverlust, auf den er/sie fixiert ist (= Figur), als Möglichkeit sehen, sich mutig für die eigenen Ideen, Werte und Fähigkeiten einzusetzen, die zuvor im Hintergrund standen. In einer Situation, in der möglicherweise die Kündigung fast sicher ist, kann der/die Coachee ermutigt werden der eigenen Führungskraft die bisher zurückgehaltene eigene Sichtweise mitzuteilen, da er/sie vielleicht nichts mehr zu verlieren hat, sondern nur gewinnen kann. Im Coaching können „best case“ und „worst case“ Szenarien immer mit dem Wechsel von Figur und Hintergrund erarbeitet werden. 

Rollengespräch: Mit der Methode des Rollengesprächs, in dem der/die Coachee sich in die verschiedenen Rollen hineinversetzt, können die unterschiedlichen Sichtweisen geäußert werden. Gelingt es dem/der Coachee auch die Gefühle des Menschen, in den sie/er sich hineinversetzt hat, zu schildern, wird die Wahrnehmungsfähigkeit erweitert. Dadurch entstehen mehr Entscheidungsmöglichkeiten und mehr Freiheiten für den/die Coachee. In Konfliktsituationen kann ich z.B. den/die Coachee unterstützen, das nicht konfliktäre Umfeld ins Blickfeld zu rücken, die gemeinsamen Ziele und die Chancen des Konflikts zu sehen, statt nur fixiert zu sein auf den Konflikt und die negativen Seiten der Parteien (s. Glasl / Weeks 1992 und Vogelauer 2013).

Hier-und-Jetzt-Prinzip: Nach dem Hier-und-Jetzt-Prinzip ist die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart und die wirkenden Kräfte konzentriert. Durch das gegenwärtige Erleben der eigenen Potentiale und das achtsame Umgehen mit den eigenen Impulsen können die Fähigkeiten der/des Coachee/s entdeckt oder entwickelt werden. Coaching sollte ein Ort schöpferischer Freiheit sein, in dem die/der Coachee inspiriert wird.

Gefühle und körperliche Empfindungen wahrnehmen: Ein anderer Aspekt aus der Gestalttherapie ist das Ziel, abgespaltene oder verleugnete Anteile der Persönlichkeit wieder zu integrieren. Im Coaching werde ich zwar nicht therapeutisch arbeiten, aber ich kann die/den Coachee unterstützen, Gefühle oder körperliche Empfindungen wahrzunehmen. Die Identifikation mit diesen vielleicht nicht wahrgenommenen Seiten oder Sichtweisen wird z.B. in der Arbeit mit dem leeren Stuhl oder in Rollengesprächen angewendet. 

 

Elli Biehal-Heimburger hat den systemisch-evolutionären Coaching-Ansatz der Trigon Entwicklungsberatung maßgeblich mitgeprägt. Im Buch In Beziehung. Wirksam. Werden. und in unserer Coach Ausbildung in Salzburg, Wien und Köln erfahren Sie mehr dazu.